BOSNIEN

WARUM SARAJEVO AUF DEINE BUCKETLIST MUSS

Ich habe mich nun reichlich über die ganzen unspannenden Länder wie Mexiko, Guatemala oder Jordanien ausgelassen und es ist Zeit sich der wirklich spannenden Hemisphäre zu widmen: dem Balkan und insbesondere Bosnien, meiner Heimat. Hier ist es seit Jahrhunderten dermaßen spannend, dass alle paar Jahre ein Krieg notwendig ist, um diese Spannung abzubauen. Ganz spannend wurde es in Sarajevo im Frühjahr 1992. Und es blieb ganze 1425 Tage mega spannend. Die Stadt wurde vom Feind belagert und nur durch einen selbst erbauten geheimen Tunnel gelangten Notwendigkeiten, Zigaretten, Waffen, Zigaretten oder auch Lebensmittel in die abgeschottene Stadt. 😉 25 Jahre später darf immer noch überall geraucht werden, aber der Zigarettenpreis hat wieder ein normales Niveau erreicht (Luxusgüter dieser Art sind in Kriegszeiten unbezahlbar).

Warum Sarajevo, nicht nur zum Zigaretten kaufen, mehr als eine Reise Wert ist, drück ich euch genau jetzt rein.
 

Der berühmte “Duh Sarajeva” – die Seele Sarajevos

Damit ist das besondere Flair gemeint, dem man sich in Sarajevo nicht entziehen kann.Die Stadt wird nicht umsonst “klein Jerusalem” genannt: hier treffen alle Weltreligionen auf kleinstem Raum aufeinander. Im Radius von ein paar Hundert Metern finden sich orthodoxe Kirchen, Moscheen, Synagogen und katholische Kathedralen. Sie alle haben in Sarajevo schon immer friedlich neben einander existiert. Jedem das Seine. Bis zu einer gewissen Grenze. Cross-religiöse Hochzeiten waren vor dem Krieg Gang und Gebe, über 20 Jahre nach Kriegsende leidet die Gesellschaft noch immer sehr an den Nachkriegssymptomen. Je nach Schicht, mehr oder weniger. Davon werdet ihr als normale Touris allerdings nichts mitbekommen. Ihr werdet es toll finden, wie tolerant die Stadt zu sein scheint und werdet, ohne ihn genau definieren zu können, die Seele der Stadt bis ins Knochenmark spüren!

Kulturen-Clash

Sarajevo hat eine geschichtsträchtige Vergangenheit. Dementsprechend ist das Stadtbild von verschiedenen Einflüssen geprägt: Unter der osmanischen Herrschaft (1463-1878) entstand die Altstadt, die kleinen Gässchen rund um den Hauptplatz Baščaršija, oder die Gazi Husrev Beg Moschee, die größte Moschee Bosniens. Aristokratische Prachtbauten aus der Österreich-Ungarn-Ära (1878 – 1918) machen den Kontrast perfekt. Dazu noch ein paar hohe Plattenbauten in Novo Sarajevo und man kann sich täglich auf Zeitreise bewegen.

Ćevapi: bestes Fast Food der Welt

Nein, die Teile heißen nicht Ćevapčići. Kein Bosnier verwendet diese Bezeichnung. Die kleinen Hackfleischröllchen waren, sind und bleiben Ćevap(i). Und nein, man serviert dazu keine Beilage. Man isst auch kein Ajvar dazu, wie viele “Westliche”  noch aus ihrem Jugoslawien Urlaub aus den 80ern kennen, die immer nur Ćevapčići in Kroatien gegessen haben, also bei Leuten, die keinen Peil davon haben (Sorry, Nachbarn). Was man bekommt ist einfach die bestellte Anzahl an Ćevapi – standardmäßig 5, 10 oder 15 – im halben oder ganzen Brot, geschnittene Zwiebeln und wahlweise eine Kugel Kajmak (bosnischer Streichkäse) oder Joghurt dazu. In Sarajevo herrscht seit jeher Krieg, wenn es darum geht, wo es die besten Cevapi gibt. Und es kann zu einem wahren Organisationsakt ausarten, in einer größeren Gruppe Ćevape essen zu gehen. Der eine mag die vonn Zeljo nicht, der andere kann die von Hodzic nicht vertragen und der Dritte geht prinzipiell nur ins Petica. Alle Läden befinden sind in den kleinen Gässchen der Altstadt, rund um die Baščaršija.

Geographische Lage

Sarajevo ist in einem Tal gelegen, umgeben von einigen mehr oder weniger großen Bergen. Trebevic, Bjelasnica, Igman und Jahorina sind die größten und erstrahlten schon bei den olympischen Spielen 1984 in glänzendem Weiß. Das Coole: alle sind in zwischen 15 und 30 Minuten von der Stadt aus zu erreichen. Ob Wandern im Sommer oder Skisport im Winter – hier geht (wieder) alles. Es lohnt sich aber auch hier hoch zu fahren, nur um tolle Aufnahmen von der Stadt zu machen. Gerade im Winter, wenn der alljährliche Smog-Nebel-Mix zuschlägt und über der Stadt schwebt.

Kaffee trinken

Das Kaffee trinken spielt in der bosnischen Kultur definitiv keine fade Nebenrolle. Beim Kaffee wird so einiges geregelt. Sich kennen lernen,  sich versöhnen, sich wiedersehen, sich kurz was erzählen, ein Geschäft verhandeln. Im Zweifel trinkt man dann gar keinen Kaffee. Wo man hierzulande “lass uns was trinken gehen” zu sagen pflegt und es jedem offen steht, was das sein mag, lautet das unflexible Wording bei uns immer “lass uns Kaffee trinken gehen”. Warum, weiß keiner. Man kriegt, abseits des bosnischen Kaffees (ein Muss), selten mal guten serviert. Der erste Laden, der sich wirklich mit der Kunst des Kaffeemachens beschäftigt, hat erst kürzlich aufgemacht und nennt sich Espresso Lab. Nichtsdestotrotz bleiben auch die anderen gefühlt 100.000 Cafés brechend voll, weil Kaffee trinken eben essentiell für den Bosnier ist. Gerade bei einer offiziellen Arbeitslosenquote von 40% würde sich der Tag ohne diese Tradition ganz schön ziehen. In welchen Cafés man den Tag am besten ziehen lässt, könnt ihr hier lesen.

Kunst & Kultur

gibt es in Sarajevo an jeder Ecke. Der Krieg spielt auch hier eine zentrale Rolle. Daran wird einem bewusst, wie lange so ein historisches Ereignis nachhallt und wie verheerend die Auswirkungen sind. Sarajevo ist aber auch ein big Player was den Film angeht. Die Stadt ist jährlich Gastgeber eines der grüßten europäischen Filmfestivals. Das Sarajevo Film Festival (SFF) wurde 1995, noch während der Belagerung gegründet und findet immer im August statt. Kevin Spacey, Samuel L. Jackson, Brangelina, Michael Fassbender, alle waren sie schon da. Während dieser 10 Tage ist die Stadt ein einziges Event. Open Air Vorstellungen in Hinterhöfen, zig Parties und Konzerte – und das Beste – man kann selber ganz einfach Teil davon sein. Die Tickets sind preislich für “aus dem Westen kommende” ein Witz. Ich habe 2011 für eine Golden Card (Zugang zu allen Filmen und allen Events) ca. 120€ gezahlt, unzählige Filme gesehen, mich mit Regisseuren wie Wim Wenders unterhalten, und hätte beim Closing Event neben Brad und Angelina sitzen können, hätte ich es nicht verpeilt. Es ist nämlich immer das größte Geheimnis, welcher Hollywood Star antanzen wird. Und in diesem Jahr hieß es zunächst “keiner”, um alle am finalen Abend mit Brangelina auf dem roten Teppich zu überraschen. Da war ich mit dem Festival schon durch und saß ein paar Hundert Meter weiter in einer Bar. Blöd gelaufen.

Das Essen

Es gibt für mich keinen Ort auf der Welt mit einem besseren Preis-Leisungsverhältnis was Essen angeht. Hier ist es fast egal, wo man sich niederlässt, man kann fast sicher sein, dass es schmecken wird. Und man kann sich nirgends so gut und günstig wie hier durch den Tag schlemmen. Der Bosnier liebt Gegrilltes. So riecht es in den süßen Straßen der Altstadt immer so, dass man nicht schwer vorbeigehen kann. Auch finden die Gourmets unter euch hier standardmäßig Dinge wie Kalbsbries auf den Karten. Und dann eben für 5 € statt für 30 im Gourmetrestaurant in Deutschland. Hier ein Snack, dort ein Kuchen, eine Kugel Eis im Egipat (ein altes ägyptisches Rezept)… Hungergefühl kann hier kaum aufkommen. Insbesondere im Frühling/Sommer macht das Ganze noch 10 Mal mehr Spaß, wenn man draußen sitzen kann und die Straßen voll sind. Liebe!

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