GEDANKENFUTTER

Love-Hate-Relation-Ship | Minimale Abrechnung mit Instagram

Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das sich immer mehr aufdrängt, je länger ich Teil dessen bin und je länger ich das Treiben dort beobachte: Instagram. Ich unterscheide dabei (ganz oberflächlich und pauschal) zwischen 4 Instagrammer-Typen.
 

Typ 1: “Der natürliche Spaßinstagrammer”

Wenn wir uns eine Instagram Pyramide vorstellen, so steht dieser ganz unten. Er erwartet nichts und freut sich über jeden Follower, der ihn zufällig entdeckt. Denn mit Hashtags und anderen Verlinkungen hat er es nicht so. Mehr als offensichtliche Bildbeschreibungen, wie #tree zu einem Baumbild, ist selten drin. Weil man das Grundkonzept dieser App entweder nicht verstanden hat, oder sich allen bewusst ist, es einen aber nicht interessiert und man nicht auf Follower Jagd ist. So oder so hat dieser Typ auf den ersten Blick das gesündeste Verhältnis zu dieser technologischen Errungenschaft. Er investiert verhältnismäßig wenig Zeit in die App und postet nur etwas, wenn es ihm gerade einfällt. Genauso liked er auch nur Bilder, die ihm wirklich gefallen und wenn er mal einen Kommentar hinterlässt, dann ist dieser auch ehrlich gemeint. Er verfolgt mit seinem Profil kein wirkliches Ziel und ist dementsprechend weniger berechnend. Unter dieser Zielgruppe könnte man aber auch Nutzer finden, die mindestens genauso viel kostbare Lebenszeit auf der App lassen, wie die nachfolgenden Typen, ohne dabei aufzufallen. Der stille Beobachter sozusagen. Er kann stundenlang richtig schön opfermäßig perfekt inszenierte Profile hoch und runter scrollen und sich vollends von dieser Scheinwelt in den Bann ziehen lassen.

Typ 2: “Der wachstumsorientierte Follower-Jäger”

Typ 2 ist unter den Instagram Opfern das egoistischste. Er hat es nicht geschafft, rechtzeitig im Bloggerolymp aufzusteigen, hat sich aber einiges bei der Pyramiden-Spitze abgeguckt und versucht, mit schier ähnlichen Methoden, seine Reichweite zu erhöhen. Ganz früh hat er schon gelernt, dass man seine Follower “engagen” muss, etwa in Form von sinnlosen Fragen, deren Antworten man schon im Vorhinein nicht hören will, wie beispielsweise: „Was gibt es schöneres bei Regen als es sich zuhause gemütlich zu machen. Was macht ihr an diesem regnerischen Sonntag?!“ Dazu das übliche Vogelperspektiven-Foto des eigenen Unterkörpers, oft im Bett liegend, in der Hand eine stylische Kaffeetasse von… BoConcept? Dazu der Link zur BoConcept Instagram Seite, der nur leider kein Schwein interessiert, weil Typ 2 einfach noch viel zu wenig Reichweite hat, um ansatzweise für Unternehmen als Influencer angedacht zu werden. Das aber ist sein höchstes Ziel, und so tut er alles dafür notwendige. Er verbringt Stunden auf der App, liked pauschal alles was ihm begegnet und investiert in die Betrachtung eines Fotos nie mehr als 1 Sekunde. Warum auch? Ihn juckt eh nur das eigene Instagram Wachstum. Quantität ist ein klares Erkennungsmerkmal dieses Opfertyps! Er arbeitet stets hart an der Grenze der 30 erlaubten Hashtags, stellt sinnlose Fragen und gibt noch sinnlosere und wenig erst gemeinte Kommentare von sich, wie “Great shot” oder “Amazing capture, keep up the good work.” Ganz systematisch wird hier vorgegangen, um mehr Follower zu generieren und meist klappt es ganz gut. Typ 1 fühlt sich natürlich geschmeichelt, wenn er von Typ 2 ein keineswegs so gemeintes Kompliment bekommt. Schließlich trennen die beiden hunderte Follower und Typ 2 ist von ganz unten betrachtet ja schon fast ein erfolgreicher Instagrammer. Deshalb wird in jeder fachspezifischen Weltliteratur auch dazu geraten, sich zunächst auf “kleinere” Fische zu konzentrieren. Diese fallen, wie in der prallen Natur, quasi leichter zum Opfer. Willst du mich verarschen?

Typ 3: “Der inspirierende Teilzeitinfluencer”

Typ 2 guckt auf Typ 3 wie Typ 1 auf Typ 2. Verstanden? Dafür musste Typ 3 aber auch einiges an Lebenszeit auf der App lassen. Er hat die Phasen, in der Typ 2 sich gerade befindet, alle schon durch, und seine Follower nach Hunderten Kommentaren und Likes bereits schön engaged. Er kann jetzt ab und zu durchatmen (natürlich nicht ohne solche Off-Zeiten bei seinen Followern anzukündigen) und muss nicht stündlich mit pseudo interessantem Content um die Ecke kommen, damit die Zahlen nicht schrumpfen. Er weiß allerdings, wie schwer es war, sich das Ganze zu erarbeiten, und will dies keineswegs riskieren. Lieber eine Daniel Wellington Uhr geschenkt, als gar keine Uhr. Und weil Typ 3 eben schon die Luft von ganz oben riechen kann, steckt er richtig schön im verdammten Instagram Hamsterrad fest. Bei 10k Followern, will man eben 20k und Sky is the Limit. Typ 3 betreibt meist einen Teilzeitblog, der neben dem Vollzeitjob jede freie Minute im Leben frisst, aber die Miete nicht zahlen kann. Dem Traum vom Vollzeitbloggen bzw. sich hauptberuflich “Influencer” nennen zu dürfen, ist Typ 3 aber so nahe, dass er hin und hergerissen weiter macht und es irgendwann schafft – was eigentlich genau, wenn es kein Ende zu geben scheint und sich das Rad am Ende nur noch schneller dreht? Oder seine Beziehung daran zerbricht, weil dem Freund das Foto vor dem Essen von dem Essen schon jeglichen Appetit verdirbt.

Typ 4: “Die Spitze der Pyramide” aka “Der hauptberufliche Social Influencer”

Dieser Typ hat das, wovon alle anderen träumen oder dran arbeiten: den perfekten Lifestyle. Er bekommt quasi schon Kohle für’s Kacken und hat mit jedem Unternehmen dieser Welt eine “Gesponsorte Partnerschaft” – von Luxushotels, Schmuck- und Uhrenmanufakturen bis zum Klopapierhersteller ist alles dabei. Hier spricht man Business und Instagram ist das Mittel zum Zweck. Wenn man nicht ganz analog und weltfremd ist, dann kann man sich vorstellen, dass hinter Profilen ab 100k Opfer, ganze Maschinerien stecken. Da geht es nur darum entweder den eigenen Online-Shop nach vorne zu bringen oder eben als sogenannter Social Influencer, den “Shop” anderer. An sich spricht da auch überhaupt nichts dagegen. Geld regiert die Welt und lieber in Infinity Pools rumplantschen und dafür Tausende Dollar kassieren, als im langweiligen Bürojob zu vergammeln, oder? Das denken sich eben auch Typ 2 und 3. Ja, Typ 4 hat schon Instagram-technisch ein entspannteres Dasein, das Profil ist ein einziger Selbstläufer, die Posts weise gewählt, der digitale Erfolg hat sich schon auf das wahre Leben übertragen. Man sitzt in vorderster Reihe bei Fashionshows, wird zu Veranstaltungen und hippen Eröffnungen geladen und darf sich irgendwie auch legitimerweise “erfolgreich” nennen. Jetzt gilt es nur noch dem erarbeiteten Anspruch und der Erwartungshaltung der Follower gerecht zu werden.
 

So. Meine frei erfundenen Typen sind natürlich sehr überzogen dargestellt, es gibt da auch alle möglichen Mischformen und Tausende Ausnahmen, aber ich will ja keine Doktorarbeit schreiben, sondern nur persönliche Gedanken loswerden und ein bisschen Gedankenfutter weitergeben.

Es amüsiert mich hochgradig, wie heuchlerisch die Kommunikation auf dieser App abläuft. Wenn ich Kommentare wie “I love your feed, continue the amazing work. Clapping-hands-smiley” lese, die Person aber danach nicht zu meinen Followern zählt, ja dann kann ich mir ausmalen, wie ehrlich dieser Kommentar gewesen sein kann. Es dreht sich, fast wie im wahren Leben, alles ums “Zurückgeliebtwerden”. Je mehr du kommentierst und likest, desto mehr Likes und Follower bekommst du zurück – das bekommt man auf der Instagram University gelehrt. Dass die Kommentare teilweise mehr als sinnlos sind, interessiert kein Schwein, weil alle im Kampf um den Fame, wie auf’s Äußerste gehirngefickt das gleiche Schema verfolgen. Hashtag what the fuck? Wenn mir so tolle “Engage-your-followers-posts” wie in Typ 2 beschrieben, begegnen, dann frage ich mich, wie man zunächst auf die Idee kommt, fremden Menschen zu unterstellen, es würde sie interessieren, was ich an einem regnerischen Sonntag so mache? Ganz davon zu schweigen, dass mir niemand, der diese Art der propagierten Instagram Kommunikation praktiziert, weis machen kann, es würde ihn ernsthaft interessieren, was irgendwelche wildfremden Menschen an eben diesem regnerischen Sonntag tun. Mich jedenfalls nicht.

Als nächstes finde ich es unglaublich spannend, wie spießig und Instagram-gesetzeskonform sich viele User auf der App verhalten. Wie der Name schon erahnen lässt, positioniert sich Instagram als Instant-Posting-Tool. Das Hochladen von Bildern aus der Vergangenheit ist okay, sollte aber mit dem Hashtag “Latergram” gekennzeichnet werden. Aaaaa ja! So weit so gut. Wenn ich allerdings sehe, wie sich manche für einen Post aus der Vergangenheit rechtfertigen (“Heute ist es so kalt, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als sich warme Gedanken zu machen. Deshalb poste ich heute ausnahmsweise ein Foto aus unserem letzten Urlaub in Thailand.”), bekomme ich das kalte Kotzen. Wie fremdbestimmt sind wir alle? Wen bitte juckt es wann dieses Foto entstanden ist? Empfinde ich ein Bild deshalb als weniger, oder mehr inspirierend? Nein.

Darüber hinaus fällt mir auf, wie ähnlich sich die Profile erfolgreicher Influencer sehen sowie die derer, die es noch werden wollen. Wir bekommen von der “Instagram Elite” suggeriert, wie ein perfektes Profil auszusehen hat. Einheitlich, immer der gleiche Filter, die gleichen Posen, blah blah blah. Am Ende sehen alle Profile gleich aus, tragen nur nen anderen Filter. Ob Reisen oder Essen, echte Individualität hat Seltenheitswert, und kommt beim User eh nicht so an. Weil sie eben selten was mit Perfektion zu tun hat. Und am Ende verliert die App gänzlich an Spontaneität, weil ein Foto erst perfekt geschossen sein werden muss um dann von zig anderen Bildbearbeitungsprogrammen vergewaltigt zu werden, bevor es glänzend auf Instagram erscheinen darf. “Instant” hat nämlich hoch oben auf der Pyramide schon lange nichts zu suchen.

Nun möchte ich genauso wenig vergammeltem Essen, vollen Windeln oder riesigen Müllhalden in Indien folgen und es gibt ganz tolle Profile, die mich jeden Tag auf’s Neue begeistern, genauso wie ehrliche Kommentare und Likes, aber ein bisschen mehr Mut und Ausbrechen aus diesem Instagramkorsett fände ich ganz erfrischend!Den Part, dass sich das echte Leben nicht auf sozialen Medien abspielt und das alles am Ende komplett unwichtig ist, lass ich jetzt mal aus. Spaß macht’s trotzdem und ist eben Teil unseres Zeitalters. Und solange man sich selbst am meisten an seiner Galerie erfreut, und es keinem Recht machen möchte, ist alles gut.

In diesem Sinne, wenn ihr ganz runter scrollt, findet ihr mein opfermäßiges Instagram. Follow4follow. 😉

2 Kommentare

  1. Habe mich köstlich amüsiert bei der Lektüre!! Für die ich leider nur Zeit hatte, weil ich von Insta gebannt wurde!! Es macht mir eben Spaß, ein bisschen anders zu agieren als Followertyp 3 und 4!!! Das sieht man wohl nicht gern!!! 😉

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